Das Träumerding
9. Juli 2006
Sie lag unter einem Baum, einem knorrigen Baum, und stellte sich Violinen vor in ihrem Kopf. Einige davon. Einige viele. Leichte Klänge im Hintergrund. Eigentlich schlief sie, doch die Gräser unter ihr stachen ein wenig, wenn das T-Shirt zu hoch gerutscht war oder sie die Hände unter ihrem Kopf hervor nahm und ins Gras legen wollte. Der ganze Baum und Hügel und die nackten Blätter, waren nur ein Bild in ihrem Kopf. Sie sah es nicht, denn es lag hinter ihren Augen. Doch sie war wie dieser Moment. Sie war wie das Aufwachen, das geweckt werden und das weiterschlafen wollen. Und dies die ganze Zeit über. Wenn man den Gegenüber beschimpft und verflucht, doch nicht sein Herz damit erwischt, da man ja nun mal schlaftrunken und instinktiv war. Ein wenig schmollend, die Stirn verzogen und jede Sekunde der kurzen Ruhe mit Decke über dem Kopf genießend.
Die Welt nicht verstehend, nur Nebel erkennend. Singende Kinder rissen sie aus ihren Gedanken. Verdammte Straße. Der Raum in dem sie saß, war karg und schmal. Nur eine Matratze und einige mit Bleistift an die Wände gemalten Figuren zeugten hier von Existenz. Das angebissene Butterbrot am Boden musste schon länger dort liegen. Sie hatte die letzten 3 Tage davon gelebt und nun, war es verschimmelt.
Die Violinen hakten und gaben einen unharmonisch elektronischen Ton von sich. Vertraut irgendwo..., aber störend. Fluchend warf sie das Butterbrot nach der kleinen Musikanlage in der anderen Ecke des Zimmers. Die CD war alt und zerkratzt. Ein weiterer Grund nicht zu schlafen oder eben stets nur bis zu diesem Punkt, wenn das Orchester seine Geigenbögen gegen digitale Fehlschwingungen austauschte.
Sonnig schien es durch die Fensterscheiben. Der Zirkus hatte einen Tanz von Tanz gespielt, der jedoch längst erloschen war. Gut, die Anlage aus also. Die Reize waren wieder zu viel. Raufasertapeten, gewaltige Canyons und Kontraste, und dann das. Wenn man einsam ist, für den Moment, dann tut man eben das was Kunst sein mag.
Eiskalt war die Luft im Zimmer. Nicht erfrierend eisig. Auch nicht frisch. Eine warme Kälte eines schönen Sommertags, an dem es regnet anstatt dass die Sonne scheint.
Dennoch stand sie also auf, nahm nur noch schnell die Jacke vom Haken und verlies die Wohnung. Hinaus auf Straßen voller Pferdewagen in Petryl. Hinaus zu Karren mit Benzin.
Ganz auf einmal verlassen werden ohne hinzusehn. Gewissheit ist ein Teufelswort.
Draußen fand sie einen Fernseher. Er lag da einfach auf der Straße und schmunzelte sie an. Es war ein altes Ding. Verdreckt und sicherlich nicht mehr funktionsfähig. Einige der hübschen nostalgischen Drehknöpfe hingen aus ihren Halterungen heraus, an Sprungfedern, wie Augen alter Teddys in Zeichentricksendungen. Irgendwo war er schön und erinnerte sie an alte Zeiten. An englisches Atmen und eine ganz gewisse Playlist ihres alten MP3-Players, die sich über Jahre angesammelt hatte und nun einfach verschwunden war.
Wieder ein Blackout. Schwindelanfälle. Alles so hell wie Himmelsbilder in Hollywoodfilmen. Dann wird es wieder verschwommen klar. Ein Glück nur nicht zu scharf, dass man die Welt doch nur ein wenig sehen kann.
Kurze Zeit überlegte sie den Fernseher mitzunehmen. Ihn sie begleiten zu lassen auf langen Reisen. Mit ihm am Dom auf den Treppen zu sitzen. Es würde nur noch eine kleine Topfpflanze fehlen. Grad so groß, dass sie ihr zur Brust reichen würde. Mit langen Blättern und einem hübschen Topf. Und sie würde sie Samy nennen. Samy Deluxe. Wegen dem hübschen Topf. Auf dem Fernseher würde sie sitzen, dann bräuchte sie keinen Sessel. Und schon hätte sie ihr eigenes Wohnzimmer ohne Dach. Der Fernseher funktioniert eh nicht ohne Strom. Sie könnte stattdessen den Dom hinauf schauen. So wie sie es schon letzten Sommer einige Male getan hatte. Als sie volltrunken stolperte und sich erschrocken am Fuß des mächtigen schwarzen Gemäuers wiederfand, rücklings hinaufblickend. Doch sie fing sich, denn der Anblick war zu schön. Seitdem lag sie öfters dort. Hinaufschauend, tief atmend. Es kam einem vor, als fiele einem der Dom auf den Kopf.
Und er nahm einen in den Arm, ganz sanft und doch einnehmend. Man wollte sich gar nicht mehr gegen die Enge wehren. Alles war perfekt. Für einen kurzen Augenblick. Und das obwohl sie nie viel mit Kirchenmännern am Hut gehabt hatte…
Sie ließ ihn liegen, den Fernseher. Es war immer so unangenehm vieles dabei zu haben, wenn man etwas trinken ging. Garderoben sind ein halbes Bier teuer. Da überlegt man sich auch mal das Jacke tragen.
So viel zu träumen… Zu viel vom Traum, zu viel davon? Aber was sollte es sonst, ein Dutzend Armbänder zu tragen und den Regen zu lieben. Noch nie hatte sie von „Lebensdingen“ eine Ahnung gehabt. Und sie hatte es auch nicht vor. Lieber schimmerte ihr der Welt ein weltenender Garten durch in dem farbige Feen in ihrer Haut lebten.
Stöckelschuhe auf nacktem Beton und Teer. Das harte Hämmern zerstörte ihr Bewusstsein. Wieder dachte sie an die Schluchten ihrer Tapete und projizierte sie auf die langsam dunkler werdende Umwelt. Transparent drübergelegt… Es war der Sonnenuntergang, der ihre Augen bluten ließ. Kreischend zog sie ihre Schuhe aus. Barfuß durch die Plastikstadt… Wie immer… Kopfsteinpflaster wäre schöner.
Mozarts Klänge, gecovert und gar pervertiert, erklingen in fast jedem Club.
Wieso nur ständig diese Töne. Würd sie doch lieber in Hainen voller Musen in Ballkleidern auf Holzbänken verweilen und den Violinen ohne Störung lauschen. Barock, ja, oder Sturm und Drang…
Als ob. So wär da nicht so viel an Alkohol und Sex, wenn da nicht doch ein Stück Genuß dabei wär. Gleichgültigkeit zeigt nicht die Sucht nach Freuden, sondern eben den Verzicht dieser jenen Drogen.
Und dennoch suchte sie da etwas. Wollte es sich nicht gestehen, lieber Kragen hoch, den Hut tief ins Gesicht und am Rand der Tanzfläche angebaggert werden. So lange bis man alle guten Chancen vertan und mit dem letzten Trottel noch nach Hause geht.
Der Schuppen war dunkel diesen Abend. Es war einer jener Spelunken, die sich einst an jenen Gothic Novellen orientiert hatten und nun versuchten irgendwo den Zeiten Englands noch zu folgen. Mit Haaren ins Gesicht gekämmt und roten Wänden. Es kam ihr eher wie ein Puff vor, dessen Dreck an Wänden durch das fehlende Licht versteckt wurde.
Ein suchender Blick in fremden Augen. Der Wille zum Wohlsein und Lieben und doch spiegeln Glasperlen nur wieder.
Doch dann ein Anhaltspunkt, ein kleiner Schimmer und Glück das kurz vollkommen durch den Körper fährt.
Golden schimmerte die kleine Sichel im dunklen Kegel der Augen. Heller noch als ganzer Raum, als ganzer düstrer Club. Heller noch als jedes der Gesöffe auf den Tischen, ja heller doch als Kerzenschein. So wundervoll der Mond in einer Sichel und doch ganz strahlend wie die Sonne.
Das war nicht alles, was sie sehen sollte. Nur ein Funken des Inneren, doch einmal kurz hatte sie die Arme geöffnet und gelächelt.
Milan Pawlowski

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Veröffentlichungen
Kainsengel - Roman
Meo - Novelle
Freisam - Gedicht
Texte
An die neuen Dichter des Landes
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Brüder und Schwestern
Falle, doch liege nie am Boden
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Gedichte
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Ein Haufen Steine auf den Schultern
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