Wie mich die Traurigkeit erfasst

am 5-09-2010 in Gedichte

Wie mich die Traurigkeit erfasst,
wenn ich von Mauer’s Zinnen runter blicke
im Tal von Manderscheid
hoch oben auf der alten Burg

Mein Arm lehnt schlaff an einer Mauer
Mein Körper neigt sich vor
Der Blick fährt über alte Häuser

Es steht dort: Gasthaus, dunkelgrün
Auf verdrecktem gelblich Grund
Ein gelb, dass einmal weiß gewesen war
Das dunkle grün, war vielleicht schwarz

Einsam ist der Hof, kaum ein Auto fährt vorbei.
Der verkommne Anblick deutet einem an
Was in hundert Jahren hier geschah

Ich kann vor meinem Auge sehn
Wie auf dem alten Hof,
auf dem noch heute mehr als dutzend leere Tische stehn
zum Beispiel Nazis, fröhlich feiernd saßen

Da tranken sie und sangen
mit Stühlen und Laternen drumherum
genossen jenen Ausblick
auf die damals schon zerfallne Burg
auf den grünen schönen Waldhang
Und ans Ohr klang das Plätschern kleiner Bäche

Der Hof ist nun wie leer gefegt
Vereinzelt sitzt mal einer da
Will man bestellen, merkt man schon
Das einzukehren unbedingt ein Fehler war

Greift man nach der moderigen Tür
Zum Eingang, wo die Theke steht
Erkennt man wie der Schmutz und Gammel
an den Wänden klebt

Holz und Mauer plagen sich
und lassen’s einen wissen.

Bestellt wird nur aus Höflichkeit
man kann nicht einfach wieder gehen
denk ich, bis dann das ausgegorene
vor mir auf dem Tische steht:

Erst kocht und brennt es in der Magengegend,
dass ich mich innerlich zerfressen fühl
es brodelt, rumpelt und es fragt sich doch
woher man das Geräusch so klar am Ohr vernehmen mag

Dann ist es still
die Ruhe vor dem Sturm
Man versucht das bald geschehne zu verstehn

Der erste Schluck sinkt wie ein Stein
tief in des Leibes Höhle

Es fliesst und rutscht, entzündet mir die Speiseröhre
kitzelt nicht, nein schlägt, durchbohrt und sticht
den Gaumen

Der Kaffee schmeckt mehr gelb als schwarz.
Mehr beissend als geröstet.
Dennoch ist er auf der Zunge brennend heiss
Noch in der Tasse, scheint er nicht zu dampfen.

Möglichst schnell, wird dann das Haus verlassen
die reine Vorstellung des ersten Schlucks verdrängt
als hätte man für den Moment
die Zukunft kurz im Sinn erfasst.

Vielleicht komm ich ja eines Tages wieder
steh wieder oben auf der alten Burg.

Wie mich das Mitleid dann erfasst
wenn das alte Haus schon nicht mehr steht

Milan Pawlowski